Zuckerleben

Typ 1 Diabetes Blog
Allgemein

Community? Ohja!

16. November 2017

Mittlerweile sind mehrere Wochen seit dem ersten Diabetesbarcamp vergangen- und irgendwie hängt es mir immer noch nach. Die Blood Sugar Lounge hatte zusammen mit Novo Nordisk nach Frankfurt eingeladen und über 100 Blogger, Redakteure, Fachleute, Diabetiker, Typ F’ler und Interessierte sind diesem Aufruf gefolgt.

Das erste Diabetesbarcamp war super gut organisiert!

Mehrere Teilnehmer haben bereits ausführlich über den Ablauf berichtet- deshalb lasse ich das einmal ganz großzügig weg. Wer genaueres wissen will, klickt sich einfach mal hier rein!

 

Erwartungen? Naja…

Um ehrlich zu sein bin ich mit gemischten Gefühlen nach Frankfurt gefahren. Wir freuten uns auf unsere Kollegen aus der Blood Sugar Lounge, von denen viele zu Freunden geworden sind, auf nette Gespräche und ein produktives Zusammensitzen. An das Barcamp selbst hingegen, das am Samstag stattfand, dachten wir eher mit ziemlichen Zweifeln. Wir konnten uns nicht wirklich vorstellen, was genau auf uns zukommen würde, ob die Teilnehmer die Sessions wirklich besuchen würden und ob es wohl wirklich zu regen Diskussionen und Erfahrungsaustausch kommen würde.

Es kommt anders als gedacht!

Umso überraschter fuhren wir am Sonntagvormittag wieder gen Heimat. Völlig überwältigt von den vielen Eindrücken, dem wenigen Schlaf und der Begeisterung, die uns vollkommen eingenommen hatte.

Das Barcamp startete in Gesellschaft guter Freunde

Mir persönlich hing besonders eine Session nach. Auch heute begleitet sie mich jeden Tag: Christians Session zum Thema „Diabetes und Ängste“.

Ich muss gleich vorweg sagen: Ich bin niemand, der sich schnell vor fremden Leuten öffnet. Ich habe dann schnell das Gefühl, ich würde mir die Blöße geben und mich irgendwie verwundbar machen. Beim ersten Lesen des Sessionthemas dachte ich „Ich habe keine Ängste, die mit dem Diabetes zu tun haben“- und trotzdem fanden Janis und ich uns wenige Stunden später in dem Stuhlkreis des Raums wieder, umgeben von anderen, teilweise völlig fremden Menschen und für mich stand fest: Hier werde ich wohl gar nichts zur Diskussion beitragen (können).

Christian und wir kennen uns seit zwei Jahren. Wir haben uns während des Blood Sugar Lounge Treffens in Berlin vor zwei Jahren kennengelernt und fühlten uns auf Anhieb wohl miteinander. Er erzählte mir von seiner Arbeit als Coach und der Idee, ein Coaching für Menschen mit Diabetes anzubieten. Eine Brücke zwischen Medizinern, Betroffenen, Angehörigen und Psychologen quasi. Ich war von Anfang an begeistert und bestärkte ihn, dieses Ziel in jedem Fall zu verfolgen. Wenn ihr mehr zu dem Thema erfahren wollt, schaut doch mal hier in das Interview mit ihm rein.

Diabetes, Ängste und ich mittendrin.

Christians Session

Jetzt saß ich also da, in diesem Stuhlkreis. Flankiert von meinem Verlobten und einem Coach, der mir innerhalb der letzten zwei Jahre sehr ans Herz gewachsen ist. Christians Hund Frida (oder auch „Wutz“) machte es sich auf meinen Füßen gemütlich und erst jetzt merkte ich, wie sehr ich innerlich angespannt war. Ich kam mir lächerlich vor.
Christian begann mit ein paar Worten, die Session „einzuleiten“ und es war mucksmäusschen still im Raum. Ich beobachtete die Gesichter um mich herum und stellte fest, dass einige genauso wirkten, wie ich mich fühlte.

Und langsam, ganz langsam, wagte sich einer nach dem anderen vor. Sie sprachen über Ängste im Alltag. Von Spritzphobien, Ängsten vor dem „Alleindastehen“, vor dem „Supergau“ auf Reisen. Während ich den anderen zuhörte, stellte ich fest, dass auch ich mich tatsächlich im Hinblick auf das Reisen einschränkte, weil ich fast fanatisch dazu neige, mich nicht sicher zu fühlen, wenn ich allein unterwegs bin. Das war nicht immer so und augenblicklich ärgerte ich mich bei dieser Erkenntnis über mich selbst.

Wenig später merkte ich, dass mir jedoch etwas viel Größeres auf der Seele brannte…

Und obwohl ich eigentlich erst gar nichts hatte beitragen wollen, tat es augenblicklich gut, zuzugeben, wie sehr es mich ängstigte, irgendwann einmal meine bessere Hälfte, meinen Partner und besten Freund an den Diabetes zu verlieren. Wie viel Angst ich tatsächlich davor habe, irgendwann, wenn es so weit ist, unserem Kind zu schaden, weil ich zu unfähig dazu bin, meine Blutzuckerwerte unter Kontrolle zu behalten.

Inmitten von neuen und bekannten Gesichtern.

Und hier schritt plötzlich diese Gruppe von Fremden ein, die mir vor Augen führte, wie sehr wir doch irgendwie alle miteinander verbunden sind- und mag es auch nur durch diese blöde Krankheit sein, mit der wir uns täglich rumärgern. Ich erntete ehrliche und offen interessierte, verständnisvolle Blicke. Ich sah, dass andere sich angesprochen fühlten und mit einem Mal war ich erleichtert, diese Gedanken ausgesprochen zu haben und mit einer ganzen Gruppe von Menschen darüber reden zu können. Auch Tage später erreichten uns unglaublich liebe Worte, die mich teilweise zu Tränen rührten. Vor allem geht mein großer Dank an Kathi von Diabeteswelt, die sich so offen und ehrlich mit mir ausgetauscht hat und mir eine riesen Last von den Schultern nahm. Ich hätte sie knutschen können!
An dieser Stelle muss ich wirklich aus tiefstem Herzen DANKE sagen!

Blutzucker-und Gefühlsachterbahn

BZ-Bingo im Restaurant

Vermutlich hatte die Mischung aus der Erkältung, die mir noch in den Knochen steckte, dem wenigen Schlaf und der anstrengenden Woche zum Großteil dazu beigetragen, dass mich dieser Moment eiskalt von meiner sentimentalen Seite aus packte. Der Abend schlug dann natürlich voll in die gleiche Bresche.
Wir entschieden uns spontan nach der Veranstaltung zu Fuß zum Restaurant zu gehe, in dem alle, die Lust hatten, den Abend zusammen ausklingen lassen konnten. So liefen wir die 1,5 km locker bergab und ich merkte schon auf der Hälfte der Strecke, dass mein Blutzucker langsam aber sicher absackte. Im Restaurant angekommen hatte ich nicht nur die Hälfte des Traubenzuckerpäckchens leergefuttert, sondern auch zwei Müsliriegel hinterhergeschoben. Mein Hypohirn wollte sich einfach nur irgendwo hinsetzen und suchte sich die für mich dämlichste Stelle aus: Ganz hinten im Restaurant, ganz weit in der Ecke.

Das Problem daran?

Seit einigen Jahren steigert sich meine Klaustrophobie langsam aber stetig. Und enge Räume, gepaart mit wenigen Ausgängen und vielen Menschen dicht um mich herum sind definitiv mein Bermudadreieck.
Schon einmal hatte mich in einer ähnlichen Situation eine Panikattacke gepackt und ich spürte sie nun langsam in mir aufsteigen. Ich sah wahrscheinlich aus wie eine Geistesgestörte, wie ich da in der Ecke saß, meine Oberschenkel rieb und vor mich hin starrte, in dem krampfhaften Versuch, nicht hysterisch auszuflippen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und konnte nur noch an Flucht denken.

Kleiner Schutzengel Frida

Kurz vor dem fast unvermeidlichen Ausbruch tat Frida etwas völlig unerwartetes: Sie kroch unter der Bank vor, auf der Christian links neben mir saß und legte ihren Kopf zwischen meine Beine und forderte mich stupsend auf, sie zu streicheln. Während ich die Cola, die endlich vor mir abgestellt wurde, in mich hineinkippte, rieb Frida ihre treue Hundenase an meinem Knie und ermunterte mich so lange, sie zu streicheln, bis meine Haut langsam aufhörte zu kribbeln, mein Puls sich beruhigte und mein Hirn begann sich wieder vernünftig zu benehmen. Liebste Frida: Du hast mich an diesem Abend wirklich gerettet!

Weiß jemand Rat?

Kennt jemand dieses Problem? Hat jemand von euch mit Panikattacken zu kämpfen? Wie umgeht ihr sie? Und was macht ihr, wenn ihr es nicht schafft, sie zu vermeiden? Habt ihr gewisse „Trigger“, die dazu führen, dass ihr eine Panikattacke bekommt? Ich würde mich wahnsinnig über eure Erfahrungen dazu freuen! Denn da sind wir wieder: Ich HASSE Kontrollverlust- und das ist nunmal der Inbegriff einer Panikattacke. Also: Wer auch immer sich angesprochen fühlt- scheut nicht, mir zu schreiben oder hier zu kommentieren. Eure Erfahrungen wären für mich Gold wert!

Fazit

Nicht nur tolle Geschenke, sondern vor allem fantastische Erinnerungen nehmen wir aus Frankfurt mit!

Tatsächlich hat das Wochenende in Frankfurt so viel mehr hervorgebracht, als ich für möglich gehalten hätte. All unsere Bedenken wurden völlig ausgeräumt. Es war einfach eine rundum wundervolle Veranstaltung. Auch Wochen danach bin ich froh, dort gewesen zu sein und hoffe inständig, dass solche Veranstaltungen häufiger stattfinden werden. Es ist das eine, online voneinander zu lesen, doch es ist eine ganz andere Hausnummer, sich plötzlich im realen Leben gegenüberzustehen und so den Diabetes auch viel einfacher mal in den Hintergrund rücken zu lassen. Für alle, die Bedenken haben, zu Treffen mit anderen, fremden Diabetikern zu gehen: Tut es! Springt über euren Schatten. Ich versichere euch: Ihr werdet es nicht bereuen:)

Liebste Grüße,

Eure Caro

  1. Oh liebe Caro, dein Text hat mich zu Tränen gerührt. Ich danke dir und euch! Irgendwie ging es mir in der Zeit auch nicht so gut. Der Austausch tat mehr als gut und wir waren sofort auf einer Wellenlänge 😍😙.
    Den Dank gebe ich sooo gerne zurück und freue mich, wenn wir uns das nächste Mal sehen 💙.

    Alles Liebe
    Deine Kathi

Kommentar verfassen