Zuckerleben

Typ 1 Diabetes Blog
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Der ganz normale (Diabetes)Alltag ?

11. November 2016

Der Wecker klingelt. Ich mache ihn aus und greife nach dem kleinen rosafarbenen Täschchen auf dem Nachtisch. Noch mit halb geschlossenen Augen krame ich zwischen benutzten Teststreifen, Pennadeln und Lanzettentrommeln nach dem kleinen klappernden Testreifendöschen. Mit einem leisen Piepen erwacht das Messgerät zum Leben, als ich einen Teststreifen hineinstecke. Ein Klicken und nach dem Stich in den Finger trage ich das Blut auf dem kleinen Messfeld auf. Während ich das Messgerät zurück in das Täschchen werfe quäle ich mich aus dem Bett.

Der Diabetes meldet sich…

Gott, bin ich heute müde! Irgendwie ist mir schlecht… Ein Blick auf die Pumpe, die ich zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt habe, während ich meine Hose hochziehe.
270 mg/dl. Mist. Jetzt meldet sich auch der altbekannte Durst. Innerlich stöhne ich auf. Ich muss mich beeilen, damit ich es noch schaffe, den Katheter zu wechseln, bevor ich los muss. Während ich ins Bad gehe leere ich eine kleine Flasche Wasser. Nachdem ich mich fertig geschminkt habe, krame ich in einer der vielen Schubladen des Sideboards.
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Reservoir, Insulinampulle, neuer Katheter. Müde fahre ich mir durch die Haare, während meine Insulinpumpe vor sich hin vibriert. Mit einer Hand ziehe ich neues Insulin in das Reservoir auf, mit der anderen löse ich die Plastikverpackung des Katheters. Während die Pumpe leise piepend den Füllstand des Insulins im Schlauch angibt balanciere ich mit beiden Händen den produzierten Müll in den gelben Sack. Ich verrenke mich, um eine geeignete Stelle für den neuen Katheter zu finden. Vorsichtig taste ich mit den Fingerspitzen über die Haut an meiner Hüfte. Hier ein Knubbel, da eine rote Stelle, dort eine kleine Narbe von einem alten Katheter. Mit einem lauten Klicken sticht die Nadel der Setzhilfe in meine Haut. Ich ziehe sie zurück, drücke die Klebestellen des Katheters noch einmal fest und werfe die gesicherte Setznadel in den Müll.
Ein Blick zur Uhr- Mist. Wieder sieben Minuten Zeit verbraucht.

Bolus, BE und Hypohelfer

Während ich in der Küche das Toast in den Toaster stecke tippe ich auf der Pumpe herum. Ein Toast hat 1,5 BE- den Rest erledigt der Bolusrechner. Ich verstelle ein bisschen was an den Zahlen, drücke auf „Start“ und stopfte die Pumpe zurück in die Hosentasche.
Während das Insulin, mein flüssiger Lebensretter, unter meine Haut läuft packe ich meine Tasche für den Tag. Habe ich noch Traubenzucker? Ja. Aber einen Müsliriegel sollte ich noch einpacken. Falls die nächste Hypo nicht lange auf sich warten lässt.
Endlich vibriert die Pumpe und ich schiebe mir mein Frühstück zwischen die Zähne. Richtig genießen kann ich es nicht. Eigentlich hätte ich lieber noch eine Weile gewartet mit dem Essen, bis mein Wert weiter unten ist. Ich will es aber auch nicht riskieren, während der Autofahrt zu unterzuckern.
Es ist mühsam das Toast überhaupt zu kauen. Mein Körper lechzt nach Wasser- ich trinke noch eine Flasche zum Frühstück.
Schon jetzt ist meine Laune im Keller. Das bittere Gefühl von Unfähigkeit steigt in mir auf. Wieso um Himmels Willen war der Wert schon wieder so hoch?
Ich horche in mich hinein. Fühlt sich mein Kopf an wie nach einer nächtlichen, unbemerkten Hypo? Oder eher nach einer beginnenden Ketoazidose?
Was auch immer es war- ich hoffe es hat sich bald erledigt.

BZ-Achterbahnfahrt

Im Zug höre ich Musik. Was ist das für ein flaues Gefühl in meinem Bauch? Ich trinke einen Schluck. Sollte ich messen? Ich entscheide mich dagegen. Es ist voll im Zug. Eingequetscht zwischen Fenster und meinem Sitznachbarn bleibt mir nicht viel Bewegungsfreiraum, um nach meinem Messgerät zu greifen. Also lasse ich es im Rucksack. In einer halben Stunde bin ich ohnehin am Ziel. Dann kann ich immer noch schauen, ob etwas nicht stimmt.
Als der Zug mit quietschenden Reifen hält bin ich nassgeschwitzt. Mein Herz flattert, meine Beine fühlen sich an wie Gummi. Ich stürze aus der offenen Tür und lasse mich auf die Bank am Bahnsteig fallen. Mit zitternden Händen krame ich mein Täschchen hervor und fluche leise vor mich hin.

Unfähigkeit?

Ich bin selbst enttäuscht von mir. Ich hätte die beginnende Hypo bemerken müssen. Ich hätte auf mein Gefühl vertrauen sollen. Die Blicke, die unliebsame Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste hätte nicht dafür sorgen dürfen, dass ich mich dagegen entscheide, meinen Blutzucker zu messen. Während ich Traubenzucker in mich hineinstopfe und mit großen Schlucken Wasser versuche, die aufkeimende Übelkeit hinunterzuspülen gehen mir viele Dinge durch den Kopf.
Dass mich der Blick des Mannes stört, der mich mit einer Mischung aus Neugier und Ekel mustert. Dass ich meinen eigenen, keuchenden Atem viel zu laut höre. Dass ich schrecklich aussehen muss, wie ich da zitternd, schmatzend, schwer atmend, völlig verschwitzt und bleich auf einer Bank kauere, die Augen halb geschlossen, in der Hoffnung, die Hypo gleich überstanden zu haben.
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Manchmal hasse ich meinen Diabetes. Das Gefühl der Unfähigkeit, des Kontrollverlusts und der Angst, in die er mich manchmal aus heiterem Himmel versetzt. Es gibt wenige dieser Tage, trotzdem ärgern sie mich und hinterlassen immer ein bitteres Gefühl.

 

Der restliche Tag plätschert vor sich hin. Ich messe, spritze, esse und fange wieder von vorne an.
Mein Blick verschwimmt und ein leichtes Pochen macht sich in meinem Kopf bemerkbar, kurz vor Ende der letzten Schulstunde. Ich krame mein Messgerät heraus. Blicke huschen zu mir herüber, als es piept. Ich versuche sie zu ignorieren. Meine Zunge klebt pelzig an meinem Gaumen. Ich trinke einen Schluck, während das Messgerät meine Vermutung bestätigt. Mein Blutzucker ist wieder zu hoch. Ich fluche leise in mich hinein.

Ausgelaugt…

Im Zug lasse ich mich müde und erschlagen gegen die Scheibe sinken. Meine Augen fallen zu. Ich fühle mich wie überfahren. Das ständige Auf und Ab meines Blutzuckers hat mich ausgelaugt.
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Während der Autofahrt versuche ich mich angestrengt auf die Straße zu konzentrieren und bin froh, als ich unsere Einfahrt hinabrolle.
Janis ist schon zu Hause und hat Nudeln auf dem Herd. Ich lasse mich schwer auf die Couch fallen. „Na? Schlechten Tag gehabt?“ fragt er mich und setzt sich zu mir.
Ich nicke müde und erzähle ihn von meinen katastrophalen Blutzuckerwerten. Er nimmt mich in den Arm. „Meine waren auch blöd. Vielleicht sollten wir mal wieder einen Basalratentest machen?“. Ich zucke mit den Schultern. Mir fehlen Energie und Lust.
Vor einem dampfenden Teller Nudeln sitzend schiele ich auf das Display von Janis Insulinpumpe. „Wie viel schätzt du?“, frage ich und beäuge meinen Teller. Wir einigen uns auf 6 BE und fangen an zu essen.
Später lesen wir unsere Pumpen aus. Unsere Diabetologin wird sich sicher in den nächsten Tagen melden.
Vor dem Schlafengehen zwinge ich mich dazu, noch einmal zu messen. An solchen Tagen muss ich mich regelrecht dazu überwinden, mir die „schlechten“ Werte immer wieder anzusehen. Der Wecker steht auf 3 Uhr nachts. Wir wollen versuchen, herauszufinden, ob Hypos für die hohen Morgenwerte verantwortlich sind, wie früher schon einmal.
Erschöpft schlafe ich ein und hoffe, dass der nächste Tag besser wird.

  1. So wundervoll beschrieben. Ich habe alles förmlich genau miterlebt. So beschrieben können bestimmt auch Nicht-Diabetiker uns etwas besser verstehen, was diesen Beitrag umso wichtiger macht!

  2. Sehr gut geschrieben. Es verdeutlicht auch für Nichtdiabetiker, dass das nicht nur „mal ein hoher Wert“ ist, sondern den ganzen Körper betrifft, auslaugt und ermüdet. Danke für diesen Text!! 👍

  3. Sehr schön und detailliert beschrieben! Genauso geht es bestimmt noch tausend anderen Diabetikern…Ich zumindest kann sehr viele Aspekte bejahen und stoße immer wieder an meine Grenzen, wenn der BZ lange schwankt.
    Ich war genau aus diesem Grund wieder im KH und endlich steht die Basalrate wieder 😉
    Ich wünsche Dir viel Erfolg, dass du die Ursachen bald herausgefunden hast.

    LG
    „auch“ Caro 😉

    P.S.: Wenn Du magst, schau doch mal auf meinem Blog vorbei: http://www.zuckerzone.wordpress.com

  4. Hallo Jana mein Kompliment!!!!! deine Worte sind so verstehend und wahr, ich bin berührt. Ich selbst bin seit 35 Jahren Typ I und vieles von dem, was du beschrieben hast, ist von Anfang an bis heute meine Realität. Gott sei dank hat sich mit dem Wechsel des Hormonhaushaltes bei mir die Hypobereitschaft abgesenkt. Ich darf wieder 3-6 STD. durchschlafen.
    Ich würd mich freuen, bei dir, bei euch ein wenig mit dabei zusein. Weiterhin gutes Managen und jeden Tag eine kleine Sünde, das Leben ist zu kurz, um immer streng zu sein.
    Lg Ute

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