Wenn der Diabetes Angst macht

Hallo ihr Lieben.

Wie angekündigt möchte ich mir heute bei euch etwas von der Seele schreiben.
Wann immer wir etwas als „Diabetikerpaar“ posten lesen wir Sätze wie „Ich würde nicht wollen, dass mein Partner auch unter der Krankheit leiden muss.“- und bislang haben wir immer wieder gedacht und gesagt „Wir sind uns eine Stütze. Wir arrangieren uns. Diabetes ist unser gemeinsamer Alltag.“ Das stimmt auch.

Manchmal ist alles anders…

Doch in letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei wie ich vor mich hin grüble.
Der erste Auslöser war wohl vor wenigen Monaten der alljährliche Augenarzttermin. Janis verließ den Raum mit einem Zettel in der Hand und ich war von eine auf die andere Sekunde völlig geschockt. Starke Veränderungen im Augenhintergrund.
Für viele mag das vollkommen unverständlich sein. Doch bei uns war immer alles in Ordnung. Trotz Janis‘ langjähriger Diabetesdauer. Trotz seiner Zeit als Jugendlicher, in der der Diabetes keinen Platz in seinem Leben hatte.
Tagelang beherrschte Angst mein Denken. Wir recherchierten im Internet, warteten auf den Bericht des Arztes, sprachen mit unserer Diabetologin. Sie machte uns Mut. Trotzdem konnte ich immer wieder nur denken „Ich will nicht, dass ihm so etwas passiert“.

Quelle: Pixabay

Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen…

Natürlich haben wir immer irgendwie mit soetwas gerechnet. Statistisch gesehen bekommt fast jeder zweite Diabetiker im Laufe seiner Erkrankung Folgeschäden. Doch wie das immer so ist: Das passiert anderen, nicht uns.
Langsam normalisierte sich alles. Wir achteten wieder stärker auf uns, maßen noch öfter den BZ, passten die Insulindosen an. Natürlich gab es immer wieder Ausreißer. Vor allem Janis kämpfte in letzter Zeit immer wieder mit Hypos, seit er wieder im Praxiseinsatz als Krankenpfleger war.

Und wieder so eine Situation. MIST!

Vor wenigen Tagen lagen wir abends im Bett. Wie immer hatten wir vorm Schlafengehen den BZ gemessen: Alles im grünen Bereich.
Ich schaute noch ein paar Episoden einer Serie auf dem Tablet, während Janis schlief. Irgendwann poppte ein Gedanke in meinem Kopf auf: „Hm. Vielleicht sollte ich bei ihm mal messen.“ Er schlief ruhig. Kein Schwitzen, keine Unruhe, nichts. Trotzdem zog ich seine Hand hervor und rang ihm einen Blutstropfen ab. Als das Messgerät aufpiepte rutchte mir das Herz in die Hose: 43 mg/dl. Mist. Ich konnte es nicht wirklich glauben, zeigte er doch so überhaupt keine Hyposymptome. Also schnappte ich mir einen anderen Finger, rubbelte ihn notdürftig am Bettlaken sauber und maß den BZ noch einmal: LOW – Also unter 20mg/dl. Shit.
Ich sprang aus dem Bett, knipste im Vorbeirennen das Licht im Schlafzimmer an, riss in der Küche zwei Trinkpäckchen aus ihrer Verpackung und stürmte ins Schlafzimmer zurück. Janis hatte sich bereits sichtlich verwirrt zu mir umgedreht. Ich stöhnte vor Erleichterung auf, dass er sofort wach geworden war. Völlig neben der Spur, aus dem Tiefschlaf gerissen, schlürfte er die Trinkpäckchen hinter und ließ sich auch zu einem Müsliriegel und einem Knoppers überreden, bevor er ein „Danke“ nuschelte und wieder einschlief.

Schlafen? Die Gedanken kreisen…

Für mich war an Schlaf nicht mehr zu denken. Mein Herz klopfte wie blöd- ich war definitiv wach. Die nächsten zwei Stunden über kontrollierte ich alle halbe Stunde seinen BZ. Er stieg langsam bis auf 200 mg/dl und blieb dann da. Für mich war das ein Wert, mit dem ich zufrieden sein konnte.

Normalerweise steuert der Körper in einer Hypo selbst gegen, indem die Leber angeregt wird, Glukose auszuschütten. Sind die Reserven leer, bleibt der Körper in der Unterzuckerung stecken- so wie anscheinend bei Janis geschehen. Kippt man jetzt Glukose in Form von Traubenzucker, Saft oder lang wirkenden BEs hinterher werden die Reserven wieder aufgestockt, um für die nächste Hypo gewappnet zu sein. Deshalb sollte man kurz nach einer Hypo die gegessenen BEs auch nicht mit Insulin abspritzen. Sonst droht eine neue Unterzuckerung.

Wenn der Diabetes Angst macht…

Gedanken geisterten durch meinen Kopf. Was, wenn ich nicht spontan entschieden hätte, seinen BZ zu messen? Hätte er einen Krampfanfall bekommen? Wäre er am nächsten Morgen überhaupt wieder aufgewacht?
Noch nie hat mir unsere Krankheit innerhalb so kurzer Zeit so viel Angst gemacht. Angst um meinen Partner. Angst um unsere Zukunft. Angst um meine zukünftigen Kinder.
Ich bin ein Optimist. Der Diabetes hat mich nie aus der Bahn geworfen. Und plötzlich schafft er es so kurz hintereinander gleich zwei Mal.
Wir wären nicht wir wenn wir dafür keinen Plan hätten. Wir stellen jetzt nachts Wecker. Wir werten die Daten unserer Pumpen wieder öfter, regelmäßiger und genauer aus. Und wir werden so bald wie möglich nach der Veröffentlichung des neuen Gesetzes zum Thema CGM im Bundesanzeiger einen Antrag auf den Glukosesensor bei der Krankenkasse stellen. Wir hatten die Möglichkeit, ihn für 3 Monate zu tragen und hatten während dieser Zeit ein ganz anderes Gefühl der Sicherheit. Die Zahl der Hypos war drastisch reduziert.
Momentan fühle ich mich ohnmächtig. Mit den Mitteln, die uns momentan zur Verfügung stehen kann ich mich zur Zeit nicht sicher fühlen. Ich weiß- das ist Jammern auf hohem Niveau. Und trotzdem hoffe ich inständig, dass das neue Gesetz wirklich für viele Diabetiker und ihre Familien den Weg ebnet, um sich sicherer zu fühlen und auch geschützter zu sein.

Quelle: Pixabay
Quelle: Pixabay

…Denn nur wenn alle Komponenten zusammenarbeiten können wir so gut es geht die Kontrolle übernehmen.

5 thoughts on “Wenn der Diabetes Angst macht

  1. Es tut mir leid, das der Diabetes euch so beeinträchtigt. Es ist ein Unding, dass das libre von einigen Kassen bezahlt wird und von anderen nicht. Ich bezahle die Sensoren selbst denn es erhöht das Sicherheitsgefühl schon immens. Wäre es euch denn nicht möglich euch wenigstens ab und zu mal einen Sensor zu gönnen, wenn die Einstellung mal wieder besonders schwierig ist?

    1. Hi Thomas,
      Der Libre wäre für uns allerhöchstens eine „Zwischenlösung“, da er keine permanente Verbindung wie ein CGMS besitzt und damit auch keine Alarme abgibt oder die Insulinzufuhr stoppt. Genau das wäre uns aber das wichtigste. Wir hoffen sehr, dass die Krankenkasse die notwendig für Janis bald anerkennt 🙂

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