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Sind wir wirklich schwerbehindert?

10. März 2016

Sind wir wirklich schwerbehindert?

Jeder Diabetiker steht im Laufe seines Lebens vor einer wichtigen Entscheidung: Soll ich einen Schwerbehindertenausweis beantragen oder nicht? Wie der Antrag und der eventuell anschließend anstehende Widerspruch abläuft, habe ich euch hier schon erzählt. Jetzt geht es um das Warum.

Behinderung

Viele sehen die (gesetzlichen) Vorteile, andere entscheiden sich bewusst gegen einen Behintertenausweis. Dabei spielt vor allem ein Gedanke eine Rolle: Will ich als „behindert“ gelten?

Während ich über einen Ausweis nachgedacht habe, habe ich mich eins gefragt:

BIN ich überhaupt behindert?

Laut dem Sozialgesetzbuch sind Menschen dann behindert wenn „ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“. (SGB IX §2)

Uff – ein Paradebeispiel für das allseits bekannte Bürokratendeutsch! Den ersten Teil dieses Paragraphen erfüllen Typ-1-Diabetiker ausnahmslos: Schließlich ist unser fauler Kumpel, die Bauchspeicheldrüse, definitiv länger als 6 Monate im Streik und somit ist unsere vollständige „körperliche Funktion“ futsch.

Der zweite Teil ist tatsächlich das, worüber ich mir viele Gedanken gemacht habe:

Bin ich in meinem alltäglichen Leben wirklich so stark beeinträchtigt?

Bin ich darin eingeschränkt, an Aktivitäten, Aktionen und generell am sozialen Leben teilzunehmen? Letztendlich habe ich für mich festgestellt: Ja, ich bin eingeschränkt!

#1 (Nächtliche) Hypos und Hypers

Wer kennt es nicht? Nach einer nächtlichen Hypoglykämie inklusive Fressattacke wacht man morgens total gerädert auf – Hypo-Kater lässt grüßen! Aber auch saftige Hyperglykämien können ganz schön einschränkend sein: Ketone verfrachten einen da schnell mal für Stunden auf die Couch oder der unerklärliche 300er-Wert am Morgen sorgt für eine Mischung aus brodelnder Wut und hoffnungsloser Verzweiflung.
Viele bleiben dann (mehr oder weniger notgedrungen) eher zu Hause, als sich durch ein Familienessen zu quälen oder sich im Club beschallen zu lassen.

#2 Psyche

Wertechaos, Krankenhausaufenthalte, Vorurteile oder gar Diskriminierung: Nicht ohne Grund leiden etwa ein Viertel aller Diabetiker an Depressionen.
Doch auch wer nicht von psychischen (Folge)Erkrankungen durch den Diabetes betroffen ist, kennt sicher Situationen, in denen man sich Zukunftsängsten, scheinbar unüberwindbaren Hindernissen oder einfach dem puren Diabetes-Stress gegenübersieht.

#3 Aufwand

Pen, Messgerät, Teststreifen, Stechhilfe, Ersatzkatheter und Traubenzucker mitnehmen; auf Reisen immer einen großen Vorrat in den Koffer quetschen und an die Kühlung für das Insulin denken; mehrmals täglich messen, Insulindosen berechnen, Katheter wechseln, regelmäßig Arzttermine wahrnehmen… Das alles sind nur einige Dinge, die im täglichen „Aufgabenplan“ eines Typ-1ers stehen. Bei 6-maligem Messen am Tag kommen so pro Jahr mehr als 6 Stunden nur fürs Blutzuckermessen zusammen – und dabei sind weder Tagebuchführen noch Täschchenausmisten oder irgendetwas anderes mit eingerechnet.

Antrag Feststellung Grad Behinderung

Alles in allem kann ich zumindest für mich persönlich sagen: Ja, ich bin eingeschränkter als ein vollkommen Gesunder. Doch vielleicht grade WEIL ich es mir einmal deutlich vor Augen geführt habe, was ein Leben mit Diabetes wirklich bedeutet, bin ich umso beeindruckter von all den Menschen da draußen, die Tag für Tag wieder aufstehen und das Beste aus ihrem Leben machen! Eine dicke DiaBroFist 😉

Ich persönlich habe mich deshalb auch FÜR die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises entschieden. Ich empfinde einen solchen Ausweis eher als Honorierung meiner Bemühungen als als eine Stigmatisierung. Außerdem möchte ich die Vorteile des Ausweises nutzen können.

Vorteile des Behindertenausweises

  • Steuererleichterungen
  • 5 Tage mehr Urlaub
  • Erhöhter Kündigungsschutz
  • Eventuell bessere Jobchancen (vor allem im öffentlichen Dienst)
  • Vergünstigungen (Fernbusse, Freizeitparks, Kino etc.)
  • (Je nach Merkzeichen):
    • Behindertenparkausweis
    • Kostenlose Nutzung von Bus und Bahn
    • Kostenloses Mitnehmen einer Begleitperson (Kino, Freizeitpark etc.)

Habt ihr einen Schwerbehindertenausweis? Fühlt ihr euch selbst in eurem Alltag behindert oder findet ihr, ihr seid nicht eingeschränkter als Gesunde?

  1. ausweis bekam ich keinen. wurde mit 40% eingestuft. bin pumpenträgerin, bereits mehrmalige aufenthalte auf der intensiv 🙁 sehr schwer einstellbar, jetzt mittlerweile klappt es wieder etwas besser. letzter hba1c war auf über 10… aktuellen erfahr ich denk ich morgen.
    sehr guter artikel übrigens 👍

    1. Vielen Dank liebe Sandra!
      So erging es mir (Caro) leider auch. GdB 40 für den Diabetes- Janis hat gleichzeitig vom gleichen Amt und einem anderen Sachbearbeiter GdB 50 bekommen. Das muss man wohl nicht verstehen 😉

  2. Ich habe seit Beginn des Diabetes (1987) einen Schwerbehindertenausweis – 50%. Ich versuche nun schon seit mehreren Jahren eine Erhöhung auf 60% aus den oben aufgeführten Gründen, bekomme aber jedesmal eine Ablehnung. Ich wünsche jedem, der im Amt sitzt und so eine Entscheidung fällt, mal ein Jahr Diabetes! Jeder sollte spüren, wie es ist, wenn man unter 100ten von Menschen der Einzige ist, der vor dem Essen seinen BZ misst und der plötzlich im Supermarkt oder auf der Straße einen Zuckerschock bekommt und vergeblich nach Traubenzucker sucht, weil der mitgenommene gerade alle geworden ist und nicht gereicht hat für die Bekämpfung des niedrigen Zuckers. Ich bin berufstätig und treibe Sport, aber vielleicht ist das falsch.

    1. Wir fragen uns auch oft, wieso so entschieden wird wie es tagtäglich passiert. Ob es nun die Krankenkasse, der MDK oder das Amt ist- als Patient steht man leider oft da und muss Entscheidungen akzeptieren, die man gar nicht akzeptieren will.
      Trotzdem lohnt es sich zu kämpfen! 🙂

  3. Du bist als behinderte im Alltag sehr eingeschränkt. Egal wohin du gehst und dein insobestek auspacktst wirst du doof sngesehen und als junkie bezeichnet . Das ist traurig aber ich benutzte es trotzdem <3

  4. Ich bin seid2010 Diabetikern,hab viele Einschränkungen durch die Diabetes bin Typ2 habe einen Schwerbehindertenausweisweis mit 60% obwohl ich schlechte Augen habe einen Diabetikerfuss habe durch meine rheumatische adrose mein ganzer Körber Lendenwirbel Bandscheibe Wirbelsäule alles ist angegriffen bekomme kein g in meinen ausweiss was kann man da noch machen ich darf so gut wie nichts mehr im Haushalt machen bekomm keine Hilfe alles wird abgelehnt,muss Diabetikerschuhe tragen und hab einen erhöhten Sitz fürs wc und Badewannen Lüfter

    1. Hallo liebe Anna,
      Rechtlich kenne ich mich leider selbst nicht gut aus. Ich würde dir aber empfehlen einen Verschlechterungsantrag mit deinem Diabetologen zu stellen, um ein Merkzeichen zu bekommen und damit auch Erleichterungen im Alltag. Falls dieser Antrag wieder abgelehnt wird musst du innerhalb von 4 Wochen Widerspruch einlegen- dazu reicht ein simpler Satz, du brauchst keine Begründung. Gleichzeitig würde ich die Unterlagen, die zur Beurteilung deines Schwerbehindertengrades genutzt wurden, anfordern. Das ist dein Recht. Die schaust du dir dann (eventuell mit deinem Diabetologen zusammen) an und prüfst, ob überhaupt all deine Einschränkungen und Beschwerden berücksichtigt wurden. Ist das nicht der Fall wendest du dich damit erneut an das Amt.
      Falls auch dein Widerspruch abgelehnt werden sollte bleibt dir der Gang vor ein Sozialgericht. Dafür kannst du dir einen Anwalt suchen, der sich auf Diabetesrecht spezialisiert hat. Im Normalfall kostet ein Rechtsstreit vor dem Sozialgericht nichts.
      Ich wünsche dir viel Glück auf deinem Weg!

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